Kommunikation: Politik ist nicht Wirtschaft

Der neue Premierminister Tschechiens möchte das Land wie ein Unternehmen führen. Geht das?

Betriebswirtschaftliche Herangehensweisen würden vermutlich so mancher Verwaltungseinrichtung gut tun. Dennoch muss man sehen, dass ein Staat sich doch in wesentlichen Fragen von einem Unternehmen unterscheidet. Klar ist: Politik ist komplizierter als Wirtschaft. Hier ein paar Beispiele dafür:

1. Bei politischen Entscheidungen reden viele mit.
Der wohl entscheidenste Unterschied: Politiker_innen werden von der Bevölkerung gewählt, Führungspersonen in Unternehmen nicht. Und auch viele politische Entscheidungen bedürfen einer breiteren Mehrheitsbildung – im Ministerrat, im Parlament oder sogar im Rahmen einer Volksabstimmung. Selbst innerhalb einer Partei gilt es, die wichtigsten Vertreter_innen von Teilorganisationen, Landesgruppen oder andere einflussreiche Stakeholder rechtzeitig einzubinden. Es reden also viele mit, bevor eine Entscheidung getroffen wird.

2. Die Politik steht unter permanenter Beobachtung.
Jede Diskussion, jede Entscheidung, jeder Zug wird von den Medien und mittlerweile auch der politischen Blase auf sozialen Medien beobachtet, analysiert, kommentiert und bewertet. Somit ist die kommunikative Auswirkung ein enorm wichtiger Faktor im politischen Handeln. Das wichtigste Ziel: Fehler vermeiden. Die gerade bei StartUps propagierte Fehlerkultur ist in der Politik unmöglich.

3. Die Mitbewerber stehen in permanentem Konflikt.
Man stelle sich die Situation vor, Billa macht täglich eine Presseaussendung, in der sie den Mitbewerber Spar kritisiert, seine Glaubwürdigkeit in Zweifel zieht und die Qualität der Produkte in Abrede stellt. Und das in provokantem, polemischem Stil. Ausgeschlossen? Genau das passiert in der Politik. Politische Parteien setzen einen substanziellen Teil ihrer Ressourcen dafür ein, das Handeln des Mitbewerbs zu kritisieren und schlecht zu machen. Wer nicht mitspielt, kommt nicht vor.

4. Marktanteile lassen sich nur auf Kosten anderer gewinnen.
Unternehmen gehen teilweise auch deshalb weniger aggressiv mit ihren Mitbewerbern um, weil sie meistens die Möglichkeit haben, ihre Umsätze zu steigern, ohne jene anderer zu reduzieren. Sie vergößern das Marktvolumen oder schaffen überhaupt neue Märkte. Das geht in der Politik kaum – lediglich die Nichtwähler_innen sind ein Potenzial, dessen Gewinnung nicht unmittelbar auf Kosten einer Partei geht.

5. Inhalte sind komplex.
Ein Hemd, ein Magazin oder ein Toaster sind leichter zu verkaufen als Politik. Denn die Produkte sind recht schnell erklärt und als Konsument kann ich recht schnell die Qualität des Produkts beurteilen. Und was ich nicht erklären kann, kommt nicht auf den Markt. In der Politik ist die Kommunikation wesentlich schwieriger. Zum einen sind politische Inhalte enorm komplex. Wer konnte wirklich beurteilen, welche Auswirkungen der Beitritt zur Europäischen Union hat? Wer kann wirklich die volkswirtschaftlichen und gesellschaftlichen Auswirkungen eines Wahlprogramms einschätzen? Zum anderen hängt vieles in der Politik an den einzelnen Personen. Das macht Vertrauen zu einem der wichtigsten Faktoren in der Politischen Kommunikation.

6. Führungspersonen müssen sich profilieren.
Jede Politikerin, jeder Politiker muss sich um seine persönliche Bekanntheit und sein Image bemühen. Denn er oder sie möchte nicht nur von den Wähler_innen wiedergewählt, sondern schon vorher von der Partei wieder als Kandidat aufgestellt werden. Daher ist die Profilierung der Führungspersonen in der Politik ein bedeutender Faktor. Im negativen Fall wird dieser Profilierung alles andere untergeordnet.

7. Personalführung sieht in der Politik anders aus.
Unternehmen haben üblicherweise eine klare Hierarchie. Vorstandsentscheidungen sind Vorstandsentscheidungen. Und eine Abteilungsleiterin kann für die Mitarbeiter_innen ihrer Abteilung entscheiden oder der Bereichsleiter für jene seines Bereichs. In einer politischen Partei sind der weit überwiegende Teil Menschen, die ehrenamtlich dabei sind und eine andere Erwartungshaltung an die Führung haben. Dazu kommen komplizierte Machtgefüge in Parteien, die im Organigramm nicht immer erkennbar sind. Und nicht zuletzt spielen viele Faktoren bei der Personalauswahl hinein, die weit über den Faktor Kompetenz hinausgehen.

8. Alles fiebert auf einen Zeitpunkt.
Die Marktanteile werden in der Politik nur alle fünf Jahre verteilt. Zumindest so oft finden in Österreich auf Bundesebene Wahlen statt. Unternehmen hingegen spüren Schwankungen sehr schnell und müssen sofort gegensteuern. In dser Politik gibt es dafür Umfragen, die aber in ihrer Aussagekraft oft angezweifelt werden.

All das zeigt: Wer in der Wirtschaft erfolgreich war, ist es nicht zwingend auch in der Politik – und umgekehrt. Wer aber Erfahrungen in beiden Welten hat und sich der Unterschiede bewusst ist, hat das Zeug zum Erfolg.